Bei Verkehrslärm mehr Depressionen

Statistisch deutliche Zusammenhänge haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei Depression gefunden. Sowohl der Lärm von Flugzeugen, als auch der von Autos und Zügen erhöht das Risiko, eine sogenannte depressive Episode zu erleiden. Die Krankheit, die üblicherweise in Schüben verläuft, gehört zu den häufigsten seelischen Erkrankungen in Deutschland. Jeder Fünfte erlebt mindestens einmal im Leben eine depressive Episode. Die Ursachen einer Depression sind vielfältig, meistens kommen mehrere Faktoren zusammen. Ein möglicher Faktor ist Stress, den wiederum auch chronischer Verkehrslärm auslösen könnte.
Deutlicher Zusammenhang zu allen drei Lärmarten


Tatsächlich konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit NORAH einen Zusammenhang zwischen Verkehrslärm und der ärztlichen Diagnose einer depressiven Episode finden.
Eine Zunahme des Dauerschallpegels um zehn Dezibel erhöht das Depressionsrisiko
- bei Fluglärm um 8,9 Prozent.
- bei Straßenlärm um 4,1 Prozent.
- bei Schienenlärm um 3,9 Prozent.
Auch die Wohndauer in einer lärmbelasteten Gegend könnte einen Einfluss auf das Depressionsrisiko haben, das lassen die Daten vermuten. Zukünftige Studien sollten diesem Ergebnis der NORAH-Studie nachgehen.
In sehr lauten Regionen sinkt das Risiko
Zu den eher unerwarteten Ergebnissen der Studie gehören die Ergebnisse für Depression bei Flug- und bei Schienenlärm: Hier gleicht die Kurve einem umgekehrten U. Das heißt: Zunächst nimmt das Risiko für eine depressive Erkrankung mit steigendem Lärmpegel zu. In Gebieten mit sehr hoher Flug- oder Schienenlärmbelastung nimmt das statistische Risiko allerdings wieder ab.
Über die Ursache dieser im Vergleich zu den übrigen Ergebnissen ungewöhnlichen Verteilung lässt die NORAH-Studie keine Rückschlüsse zu. Eine Erklärung könnte sein, dass Menschen, die sehr stark unter Lärm leiden und zur Depression neigen, seltener in Gegenden mit hoher Flug- oder Schienenlärmbelastung ziehen oder häufiger aus solchen Gebieten wegziehen. Aber ob das zutrifft und wieso sich beim Straßenlärm ein anderes Bild abzeichnet als bei Flug- und Schienenlärm, müssen zukünftige Studien klären.
Lesehilfe Infografiken
Die Studie zu Krankheitsrisiken erforscht, ob bei steigender Lärmbelastung das Risiko steigt, eine der fünf untersuchten Krankheiten zu entwickeln. Die Ergebnisse ihrer Forschung geben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Form sogenannter Expositions-Wirkungs-Kurven wieder.
1 | Dauerschallpegel
Diese Achse zeigt den Dauerschallpegel an. Von links nach rechts nimmt der Lärm zu. Für einige Berechnungen legten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch „Schallpegelklassen“ zugrunde. Lag zum Beispiel der Dauerschallpegel an der Adresse eines Versicherten bei 63,7 Dezibel, dann flossen seine Gesundheitsdaten in die Berechnungen für die Schallpegelklasse „≥60 dB – <65 dB“ ein.
2 | Risikoschätzer
Risikoschätzer geben an, wie hoch das „relative Erkrankungsrisiko“ ist. 1 entspricht gewissermaßen dem „Grundrisiko“ eines Menschen, der nicht durch Verkehrslärm belastet ist. Liegt der Wert höher, deutet das darauf hin, dass Lärm dieser Größenordnung zur Erkrankung beitragen kann. Zusätzliche Berechnungen müssen zeigen, ob ein erhöhtes oder erniedrigtes relatives Risiko statistisch signifikant und somit mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zufällig zustande gekommen ist.
3 | Expositions-Wirkungs-Kurve
Die Expositions-Wirkungs-Kurve gibt an, wie sich mit zunehmendem Lärm das Krankheitsrisiko verändert. In diesem Beispiel steigt pro zehn Dezibel das Risiko um 2,8 Prozent. Zusätzliche Berechnungen zeigen, ob diese Steigung statistische Signifikanz besitzt.
4 | Konfidenzintervalle
Das Konfidenzintervall ist ein statistisch errechneter Vertrauensbereich ober- und unterhalb des Risikoschätzers. Je kleiner das Konfidenzintervall ist, desto zuverlässiger und aussagekräftiger ist der Risikoschätzer. Üblich ist die Angabe eines 95- Prozent Konfidenzintervalls. Das bedeutet – vereinfacht gesagt –, dass das „tatsächliche“ Risiko mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit innerhalb dieses Bereiches liegt. Die Grafiken zeigen sowohl die 95-Prozent-Konfidenzintervalle der einzelnen Risikoschätzer an (schwarze senkrechte Linien) als auch das 95-Prozent-Konfidenzintervall ober- und unterhalb der Expositions-Wirkungs-Kurve (rosa Bereich).